Giro d'Italia

 

Der Giro d'Italia, für Nicht-Radsportler, ist Italiens große Landesrundfahrt der Radprofis, vergleichbar mit der Tour de France. Der folgende Text beschreibt die einzigartige Atmosphäre entlang der Strecke - und ist Teil des Buches "Der Grand Prix Tante Martha", entstanden im Eigenverlag der CR-Redaktion. Mehr dazu im Shop.

Giro d’Italia. Meine Lieblings-Rundfahrt. Ich mag das Flair, die gezackten Landschaften der alpinen Bergetappen, das Archetypische der Organisation, die – „alora, avanti, va bene“ – viel Raum zur Improvisation lässt. Die Sprache natürlich, bei der man viel einfacher mitmusizieren kann, wenn man sie nicht versteht, als etwa im Französischen. Ja, und den schnellen Espresso unterwegs, den man sich als Renn-Begleiter „verdienen“ kann, indem man, vor dem Feld liegend, ein wenig Gas gibt und jene „dieci, quindici minuti“ herausfährt, die es braucht, um eine Bar zu entern, einer Maschine vom Ausmaß einer Dampflok ein Tässchen fauchendes Gebräu zu entlocken, es hastig hinunterzustürzen – und beflügelt durchzustarten zum nächsten Col, zum nächsten Gipfel.

Oder jene alten Männer, die meist eine halbe bis dreiviertel Stunde vor Ankunft des Feldes die mit Zuschauern dicht besetzten Passstraßen hochlaufen, kurzfristig ausgespuckt von Lieferwagen, die hinten so eine Art Plattform haben wie Lon­­do­ner Doppeldeckerbusse. Sie tragen Giro-Käppis in Rosa, der Farbe nicht nur des Führungstrikots, sondern auch Italiens bekanntester täglicher Sportzeitung. Die verkaufen sie hier. Und man hört sie mehr krächzen als rufen: „La Gazzetta. La Gazzetta“. Ihre Stimmen – immer, jeden Tag und überall! – sind dermaßen verrucht-verraucht und wie getränkt in Grappa, dass man wohl Parmesan auf ihnen reiben könnte. Ich denke, sie trainieren das, denn sie klingen alle gleich, die alten Männer mit den rosa Käppis.

Oder die Zuschauer, die früher, als man die Pässe bis ganz nach oben noch mit privaten Autos befahren durfte, wenn man nur rechtzeitig losfuhr, also am besten schon am Tag zuvor … diese Zuschauer, die die steilsten Streckenkilometer zu einer Open-Air-Bühne verschwenderischer Gastlichkeit machten! Ganze Großfamilien sammelten sich da um die mitgebrachten Tapeziertische. Und die bogen sich unter kulinarischen Köstlichkeiten: den Braten und den Pastas, den Suppen und Paninos, den Formaggios und den vielerlei Desserts. Nicht zu vergessen den riesigen gläsernen Wein-Ballons …


Und wenn dann die Werbekarawane längst vorübergeweht ist wie ein Hauch Kirmes­musik aus einem entfernten Land, wenn die Stimmen der Gazzetta-Männer hinter den Kehren verhallt sind, dann zieht so etwas wie mystische Stille über die Steilhänge. Man blickt ins Tal, und von einigen privilegierten Aussichts­punkten kann man sie vielleicht schon heranfahren sehen: kleine Grüppchen ameisenhafter Radprofis, im Anmarsch auf diesen Berg. Schicksal liegt nun in der Luft, und alle wissen, dass ihr Kampf um die Höhenmeter diese Helden das Höchste kosten kann – Sieg und Platzierung vielleicht, die letzten Kräfte ganz gewiss.

Spannung und Empathie, akzentuiert durch das schnelle Heranwischen von Autos – Presse, Vorausabteilungen der Teams, eingeladene Prominenz – getrieben von Carabinieri auf bollernden Motoguzzis, die den Weg freimachen, dafür zu sorgen haben, dass die vergötterten Stars des Radsports zumindest so etwas wie eine Straße vorfinden auf ihrem weiteren Leidensweg.

Wieder Pausen, ein paar kurze Pausen nur zwischen einzelnen Vorausfahrzeu­gen. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Weit oben kreisen Helikopter, die der italienischen RAI als fliegende Relaisstation dienen, um eben die TV-Bilder zu übertragen, die – jetzt! – aus dieser knatternden Riesenhornisse gedreht werden, die sich auf Augenhöhe mit der Spitze des Feldes befindet und sich – JETZT!!! – mit urweltlichem Gedonner von unten heraufschraubt, aus dem Abgrund hoch zur nächsten Serpentine. Und – wusch! – da rauschen schon die Motorräder der Kamera­männer vorüber, die der „wichtigen“ Fotografen, das Fahrzeug der Rennlei­tung – und die Führenden, der Führende vielleicht nur, eingekeilt im Pulk derer, die Honig saugen aus seiner Leistung, seinem Sich-Anbäumen gegen diesen Berg …

Unglaublich, wie diese Woge aus reinem Adrenalin die Kehren hochbrandet, perfekt im Timing, 10, 15, 18, 20 endlose Kilometer lang! Der Führende reitet auf ihrem Kamm wie ein Surfer, und der ganze Pulk, der Tross, die Zig-Tausende von Tifosi schieben und befeuern ihn mit ihrer Emotion auf seinem Weg nach oben. Welch ein unglaublicher Ego-Trip! Andererseits: Spürt er das überhaupt, leidend, stets an der Grenze zur Sauerstoffschuld, getrieben von all den anderen, die gern an seiner Stelle wären, getrieben von den ungezügelten Erwartungen der Fans?! Denn nicht ihn feuern sie in Wirklichkeit an in diesem magischen Moment, sondern ihre eigenen archetypischen Träume von unendlicher Kraft und Unsterblichkeit im Angesicht des Übermenschlichen, das sich da vor ihren Augen abspielt.

Und während er vorbeizieht, der Held, rhythmisch tretend, rhythmisch atmend, im Kampf gegen sich und den Berg, bricht die perfekte Welle. Wie im Rausch fluten die Fans nun auf die Straße, rennen neben Verfolgern her, schwingen Fahnen, schreien Unverständliches. Ein Hexenkessel, unglaublich gefährlich für die Fahrer, denen nun selbst die Carabinieri auf ihren bollernden Guzzis oft kaum noch einen Weg bahnen können.

So zeigt das Heldenhafte zugleich auch immer die Grimasse des Dämonischen. Der höchste Triumph kann sich in Bruchteilen von Sekunden wenden, wandeln zur Tragödie und im äußersten Fall sogar zum Tod. Anything goes. Das ist der emotionale Ritt auf der Rasierklinge – oder wie die Moslems glauben: Der Weg ins ewige Paradies führt über die scharfe Schneide eines Schwertes. Nur wer ihn in Perfektion beschreitet, wer Schmerzen nicht achtet, der hat eine Chance anzukommen. Nur der ist ein Held – geschlagen, gepeinigt, aber ein Held.