Die Geschichte spielt in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine großartige ältere Dame erinnert sich an einen der Hunde, die sie in ihrem Leben begleiteten. Dieser Text wurde im Bio-Tierkost-Katalog 2015/16 veröffentlicht.

Als damals BEnny zu uns kam

Dies ist eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit. Ich war damals vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und irgendwo tobte der Zweite Weltkrieg – eine ziemlich abstrakte Vorstellung für ein Mädchen meines Alters. Wir wohnten in Brühl-Heide bei Köln. Die Gegend wurde beherrscht von den Gruhl-Werken, die im großen Stil Braunkohle abbauten – im Tagebergbau, nicht viel anders als heute noch in Garzweiler – und die Kohlen dann mit einem speziell patentierten Verfahren zu Briketts verarbeiten. Von irgendwelchen Umwelt-Auflagen wusste man damals nichts. Für uns als Kinder war es also völlig normal, dass wir beim bloßen Aufenthalt im Freien schnell rußig wurden und uns zu Hause erst einmal waschen mussten.

 

Ich war mit Ingrid unterwegs, einer Freundin, die immer gern dabei war, wenn etwas passierte. Wir hatten den Bus genommen. Auch den Zwieback, den Mutter mir aufgetragen hatte zu besorgen, hatten wir schon gekauft. Damals gab es sogar in den kleinen Orten Lebensmittel-Läden, und die orange-farbene Packung mit dem flachsblonden Zwieback-Jungen darauf war überall zu bekommen. Ein Standard-Artikel.

 

Wir verplapperten uns, Ingrid und ich, achteten nicht auf den Weg. Und schon waren wir eine Station zu weit gefahren. Lachend und kichernd stiegen wir aus, ich kramte in meiner Tasche: Ja, ich hatte noch genug Geld dabei, dass es gerade für die Rückfahrt reichte. Während wir auf den Bus warteten, ließen wir unsere Augen spazierengehen – und da sah ich ihn, Benny, einen noch jungen Hund, von seiner Statur her etwa wie ein Schäferhund. Er hatte ein ziemlich zerzaustes Fell, war in sichtlich schlechtem Zustand und sah traurig aus.

 

Ich liebte Hunde. „Schau, Ingrid“, sagte ich, „der hat bestimmt Hunger. Dem geben wir jetzt etwas von unserem Zwieback!“ Kurze Zeit später hatte Benny die Packung Zwieback verputzt – und wir einen Freund fürs Leben. Als unser Bus kam, wer stieg mit der größten Selbstverständlichkeit ein? Benny.

 

Der Schaffner – tatsächlich, damals gab es in Bussen noch Schaffner! – beugte sich zu mir herunter: „Für deinen Hund musst du aber extra bezahlen, kleines Fräulein.“ – Dass ich kein Geld mehr hatte, nachdem ich die Fahrscheine für Ingrid und mich gekauft hatte, brauchte dieser Kerl nicht zu wissen. „Das ist nicht mein Hund“, erwiderte ich ebenso trotzig wie wahrheitsgemäß.

 

Der Schaffner glaubte kein Wort. „Das muss dein Hund sein! Ihr seid zusammen eingestiegen, er liegt bei dir, er schaut dich an – das ist doch dein Hund! Wem sollte er sonst gehören?“ – Ich wiederholte nur stur: „Das ist nicht mein Hund.“

 

Ich war froh, als wir endlich ankamen. Ich fühlte mich kontrolliert von diesem Schaffner. Und tatsächlich, als mit uns ganz selbstverständlich auch Benny ausstieg, als er sich an unsere Fersen heftete, da sprang der Schaffner aus seinem Bus heraus und schrie uns mit erregter Stimme nach: „Und es ist doch dein Hund, da haben wir den Beweis!“

 

Selbst ich musste nun einsehen, dass wir – oder besser: dass ich wohl ein Problem hatte. Meine Eltern, so liebenswürdig sie waren, wären bestimmt nicht erfreut über einen vierbeinigen Familienzuwachs. Ich hatte doch schon zwei Hunde!

 

So machten wir auf dem Heimweg bei meiner älteren Schwester Halt, die mit ihrem Mann ganz in unserer Nähe wohnte. Vielleicht würde sie sich Bennys annehmen … Als wir ankamen, saßen alle um den Tisch herum, und als sie Benny hinter uns hertrotten sahen, war sofort klar, um was es ging. Ich war bekannt für meine Tierliebe (und vielleicht, sollte ich ehrlicherweise hinzufügen, auch ein wenig gefürchtet).

 

„Also den können wir hier nicht gebrauchen“, raunzte mein lieber Schwager sofort los und begann Benny ein bisschen zu ärgern, zu provozieren – auf eine Art, die ich bei Menschen überhaupt nicht mag. Respektlos, dem Tier gegenüber.

 

Meine Schwester aber beugte sich zu Benny herunter, kraulte ihn hinter den Ohren und meinte: „Jetzt kriegst du erst mal ein Bad, du bist ja völlig verdreckt von dem ganzen Kohlenstaub.“

 

Die beiden verschwanden im Bad, wo der Badeofen (nötig zur Erzeugung heißen Wassers) angeschürt wurde, und bald heftiges Platschen und Japsen zu hören war. Zum Trocknen wurde Benny in eine Senke direkt unter dem Ofen verfrachtet, wo es schön warm war. Als er dann schließlich wieder erschien, war er ein anderer Hund: hellbeiges, fluffiges Fell, stolze, selbstbewusste Haltung, ein liebes Gesicht.


„Donnerwetter“, entfuhr es meinem Schwager, „das ist ja ein Prachtkerl! Vielleicht sollten wir ihn doch behalten.“ Damit aber war Benny überhaupt nicht einverstanden. Er reagierte mit leicht hochgezogenen Lefzen und einem verhaltenen, zugleich aber unüberhörbaren Knurren.

 

Das wiederum gefiel meinem Vater, der inzwischen gekommen war und sich die ganze Geschichte hatte erzählen lassen. Er mochte meinen Schwager nicht besonders, und Bennys eindeutige Reaktion beeindruckte ihn. „Den nehmen wir mit zu uns“, entschied er. So kam ich zu meinem dritten Hund.

 

Benny begleitete mich viele Jahre – aber nicht so, wie heutzutage Hunde ihre Herrchen und Frauchen begleiten. Damals genossen Hunde volle Freiheit, bildeten Rudel mit den anderen Hunden des Ortes, waren mit jedermann bekannt. Nicht mehr als drei Autos gab es in Brühl-Heide, und wenn eines davon auf der Straße entlangkam, hatten es die Hunde schon längst am Geräusch erkannt.

 

Speziell einer Nachbarin wuchs Benny ans Herz. Sie trug die Zeitungen aus, aber irgendwann bekam sie Probleme mit den Hüften. Da half Benny ihr, nahm die Zeitung und legte sie jeweils sauber im entsprechenden Hauseingang ab.

 

Als er schließlich starb – in hohem Hundealter – hat diese Nachbarin fast so sehr geweint wie ich.