Jeder Mensch hat Erlebnisse, die ihn tief beeindrucken, die manchmal sein ganzes Leben verändern. Man schreibt sie oft auf, in Tagebüchern oder in Briefen an die wirklich guten Freunde. So wie diese Erfahrung auf einer Mexiko-Reise:


maut – and out ...

Mexiko. Ein kurzer beruflicher Trip im Jahr 2000. Einen Tag nur habe ich für mich und meine private Neugier. Unbedingt möchte ich mir die Tempelanlage Teotihuacán ansehen, älter als die Inka-Kultur und sehr geheimnisumwittert, was ihren Zweck und Ursprung angeht.

Mit einem Leihwagen fahre ich eines Morgens los vom Hotel in Toluca. Rund 130 km liegen vor mir, und ich muss mitten durch Mexico City mit seinen rund 8,5 Millionen Einwohnern.

Eine gute Straßenkarte war nicht zu bekommen gewesen, die Wegweiser sind ziemlich verwirrend, und Spanisch spreche ich auch nicht. Trotzdem komme ich gegen Mittag an in der „Stadt der Götter“, wo einst bis zu 200.000 Menschen gelebt haben. Im siebten Jahrhundert aber verwaiste sie schlagartig, bis später die Azteken die gigantischen steinernen Zeugen für sich vereinnahmten. Ich sehe mir die Sonnen- und die Mondpyramide an, laufe über die Allee der Toten, sammle Schwingungen und Impressionen.



Und immer wieder begegne ich den mexikanischen Andenkenverkäufern. Nette runde Männer mit Taschen voller seltsamer Souvenirs. Keine leuchtenden Pyramiden aus Plastik, keine quietschenden Mexiko-Püppchen – statt dessen haben sie kleine tönerne Abbilder der alten Azteken-Götter im Angebot, außerdem magische Kugeln aus Obsidian und Vulkanglas in den verschiedensten Schattierungen von Blau bis Grün.

Ich decke mich ein. Ich beschließe, aufs Essen zu verzichten, damit ich noch eine dieser Obsidian-Kugeln … Ich mache mir klar, dass ich mit dem Sprit im Tank doch eigentlich locker zurück ins Hotel komme. Und wenn alles Stricke reißen, habe ich ja immer noch eine Kreditkarte bei mir, wiege ich mich in Sicherheit.

Es ist später Nachmittag, als ich mich, vollbepackt mit Steinkugeln und Götterfiguren, aber ohne einen einzigen Peso im Portemonnaie, auf den Heimweg mache. Blutrot geht die Sonne unter, als ich eintauche in diese Stadt, die so heißt wie das ganze Land.

In einer Woge von Verkehr brause ich über die sechs-, achtspurigen Straßen. Mexiko City scheint endlos, vor allem aber gibt es kein einziges Verkehrsschild, das einen aus diesem Spinnennetz der Avenidas je hinausleiten würde! Bald ist es tiefe Nacht, und ich habe das Gefühl, über einige dieser Straßen bereits ein paar Mal hinweggeflogen zu sein, aber wer mag das schon mit Bestimmtheit sagen?



Mein sonst recht ausgeprägter Richtungssinn hat sich verabschiedet. Und die Taxifahrer in ihren lustigen grün-gelben VW Käfern verstehe ich wohl nicht, jedenfalls finde ich keinen Weg heraus aus diesem Moloch … bis, gegen halb zehn, endlich doch noch ein kleines Verkehrsschild auftaucht: Toluca!

Ich folge ihm und befinde mich schon bald auf jenem Zubringer zur Autobahn, auf der ich am Morgen auch gekommen war. Das Dumme nur: Sie war Maut-pflichtig, und schon nachmittags, beim Erwerb der letzten blauen Vulkanglas-Kugel, war mir klar gewesen: Auf dem Rückweg würde ich die parallel verlaufende Landstraße nehmen müssen.

Gefangen. Wie auf Schienen führt mich der Zubringer aus Mexiko Stadt heraus – ohne eine einzige Abfahrt! Mit schicksalhafter Unausweichlichkeit rolle ich bald auf die hell erleuchtete Mautstation zu. Ich fühle mich wie eine Fliege im Schlund einer fleischfressendenPflanze.

Irgendwas um die sieben Dollar möchte der Uniformierte von mir. Soweit es mich betrifft, könnten es auch sieben Cents sein. Ich mache ihm klar, ich hätte keinerlei Bargeld dabei. Er bleibt ganz sachlich. Da Kreditkarten nicht akzeptiert würden, müsste ich eben ins Hotel fahren und Geld holen. Was ich denn als Pfand anbieten könnte? Sein Blick streift beiläufig meine Canon. Nein, sage ich, während Misstrauen wie eine Stichflamme auflodert, ich könne doch für bescheidene sieben Dollar nicht meine teure Kamera verpfänden! Sicher wäre sie ein Highlight auf dem örtlichen Schwarzmarkt.

Na dann …, lenkt er ein, wie wär’s denn mit dem Wagenheber? – Der Wagenheber – keine schlechte Idee. Nur gehört mir das Auto nicht, da kann ich ja kaum seine Extras verpfänden! – Ich biete ihm eine meiner schönen Kugeln aus Teotihuacán an, aber die will wiederum er nicht.

Und weil sich die nächtlichen Verhandlungen hinzuziehen drohen, wird elegant die Schleuse dicht gemacht, in der ich stehe. Der Verkehr der Zahlungsfähigen geht nebenan weiter. Dort schiebt sich nun Auto nach Auto durch die Mautstation, während hier bei mir momentan Stillstand ausgebrochen ist, weil keinem der Beteiligten einfallen mag, was ich denn sinnvollerweise verpfänden könnte für sieben Dollar Mautgebühr.

Doch plötzlich kommt einer der Uniformierten auf mich zu und winkt. Ich solle weiterfahren. Los, los, weiterfahren! – Ich bin bass erstaunt. Was ist passiert? – Ja, der Fahrer des Wagens nebenan hätte für mich gezahlt. Ich solle ihm hinterherfahren. Gerade noch sehe ich, wie sich eine Hand aus dem Fahrerfenster streckt und mir zuwinkt.


Tiefe Dunkelheit umfängt mich, als ich die Station hinter mir lasse. Die Limousine vor mir, mit meinem Retter am Steuer, blinkt rechts. Ich soll ihm auf den stockfinsteren Parkplatz folgen. Ach du liebes bisschen, fängt das Abenteuer womöglich jetzt erst richtig an?!

Senor Riquelme spricht kein Deutsch und wenig Englisch. Er ist mit seiner Familie unterwegs, erkundigt sich nach meinem Ziel. Ah, Toluca! Welches Hotel? Ich schaffe es nicht, ihn zu fragen, warum er mir, einem Wildfremden, da eben geholfen habe. Schon sind wir unterwegs. Er biegt in Toluca ab, geleitet mich bis zum Hotel.

Ich bedanke mich, so gut es geht. Ich bitte ihn, kurz zu warten, dann könnte ich ihm die ausgelegten sieben Dollar zurückzahlen. Ich müsste nur kurz aufs Zimmer. Aber da lächelt er nur, der Senor Riquelme, dreht sich um und ist kurz darauf schon von der Nacht verschluckt, samt seiner Familie.

Ich bin beschämt. Wie konnte ich angesichts dieses Geschenks überhaupt so etwas wie Misstrauen empfinden?! Zugleich ist mir klar, dass ich soeben ein exklusives Lehrstück erlebt habe, inszeniert von Meistern sehr weit oben. Diese Eleganz! Dieser subtile Humor! Die so grandios gestaltete Pointe!

Zwei Tage später bin ich zurück in Deutschland. Die meisten Kugeln aus Teotihuacán habe ich dort dann verschenkt. Es musste so sein.