Sieh Diese Erde leuchten!

Es folgen einige Auszüge aus dem Indien-Kapitel eines Buches, das zugleich Biographie und Reiseschilderung ist. Tilmann Waldthaler, ein in München geborener, in Kärnten aufgewachsener Konditor, Koch und Weltenbummler, hatte 1979 unlängst die Liebe zum Fahrrad als Verkehrs- und "Lebens"-Mittel entdeckt. Bis Indien ist er gelangt, und dieses Land mit seinen Zu- und Umständen fordert ihn, macht ihn fertig, schlägt die Krallen in seine Seele. Das ganze Buch ist nach dem Muster einer guten, langen CR-Klartext-Session entstanden: Tilmann erzählt, CR formuliert, setzt Akzente, sorgt für den Rhythmus. Nach diesem ersten erschienen auf gleiche Weise noch zwei weitere Bücher mit Tilmann Waldthaler.

Ich pedalierte mich in einen regelrechten Rausch. Ich „fraß“ die Kilometer. Ich duckte mich in den Wind, um schneller zu sein – und nicht selten vergaß ich dabei, rechts und links zu schauen, was denn die Welt sonst noch zu bieten hat außer Asphalt, diversen Anstiegen und den heiß ersehnten rasenden Fahrten talwärts. He, Mann, ich halte mich mit vollem Gepäck im Windschatten eines Autos! Ich gewinne auf den Abfahrten soviel Tempo, dass ich auf der anderen Seite den halben Anstieg schaffe, ohne zu treten!

Wahrscheinlich erlebt jeder Radfahrer solche Phasen. Vielleicht gehören sie dazu, ich weiß es nicht. Viele verlieren sich darin und wissen am Ende einer wunderschönen Tour nicht viel mehr, als dass der, an dessen Hinterrad sie sich festgebissen hatten, weiße Socken trug. Aber den erreichten Kilometerschnitt, den tragen sie wie eine Trophäe vor sich her. Es ist ihnen wichtig, den bekannten Hausberg im Lauf der Zeit mit immer kleineren Gängen zu bezwingen. Das Radfahren wird, unmerklich fast, zum Selbstzweck.

 

Es gibt diesen großartigen britischen Wahlspruch, „Ride the tiger before the tiger rides you“ – „Reite den Tiger, bevor ihm die Idee kommt, womöglich dich zu reiten.“ Nun, ich war auf dem besten Wege, mich von meinem Fahrrad fahren zu lassen – und merkte es nicht!

 

Die ersten asiatischen Länder, die ich mit dem Rad bereiste, zogen an mir vorbei wie die Fotostellagen in einem alten Hollywoodfilm. Ich fand es toll, in Asien zu sein, in diesen fremdartigen Kulturen – dabei waren sie für mich nicht mehr als illustre Kulissen für einen Film namens „Ein Bart in Fahrt“ oder „Tilmann on Tour in...“

 

Bali, die Philippinen und Malaysia rauschten nur so vorbei an meiner imaginären „Windschutzscheibe“. Klar, ich bin dort mit dem Fahrrad durchgefahren, es war in Ordnung – aber ich habe mich unterwegs von nichts und niemandem berühren lassen. Und das ist definitiv die falsche Art, mit dem Fahrrad „on the road“ zu sein! Ich weiß noch, dass Java ein chaotisches Erlebnis war: Millionen von Menschen, katastrophaler Verkehr und, schon damals, eine Umwelt am Limit. Schmutz überall, vor lauter Smog konnte man kaum Atem holen. Ich bin dann schnell weitergeflogen Richtung Malaysia. Das Fliegen übrigens war ein recht spezieller Akt, denn die Airlines waren seinerzeit überhaupt nicht darauf eingestellt, etwas so Sperriges und zugleich so Filigranes wie ein Fahrrad zu transportieren. Heute kauft man am Flughafen für ein paar Dollar eine Box, schiebt seinen Randonneur hinein und holt ihn dann am Zielflughafen wieder heraus. Damals aber musste ich zu einem Fahrradladen fahren, das ganze Rad demontieren und in verschiedene Schachteln packen lassen! Ein echtes 1000-Teile-Puzzle! In Kuala Lumpur verbrachte ich den ganzen Tag am Airport, um mein armes Bike wieder zusammenzuschrauben. Und dann düste ich – Kopf runter, Kette rechts – durch Malaysia.

 

In Penang löste ich ein Ticket für die Fähre nach Madras in Indien. Vorteil: Das Rad blieb ganz auf diesem Trip. Und als ich den riesigen schmutzigen Kahn verließ, der ein paar Jahre später völlig ausbrannte, um bis heute nicht wieder ersetzt zu werden..., sobald ich also den Fuß auf indischen Boden setzte – war plötzlich alles anders. Das Land und seine Menschen unterzogen all das, was ich gelernt zu haben meinte, einem Härtetest. Es gab die liebenswerten Erlebnisse, die mich schmunzeln ließen, mein Ego kitzelten, die Neugier weckten. Und es gab den Affront, die unerhörte Zudringlichkeit der Menschen, die stete Angst um Hab und Gut, die mich an meine Grenzen schickten.

 

Noch an Bord der Fähre erlebte ich ein Schauspiel, das mich hätte einstimmen können, wenn ich es nur richtig verstanden hätte. Da wurde ein grüner Mercedes ausgeladen, ein nagelneues, Lack-glänzendes Fahrzeug, das 1979 im armen Süden Indiens etwa so häufig anzutreffen war wie ein Rolls Royce in der DDR. Hunderte von Menschen bevölkerten den Kai. Und etliche von ihnen unterzogen das famose Automobil auch einer eingehenden optischen Prüfung. Wo aber ballten sie sich, wo gab es lautes Rufen, Fragen, ungeteiltes Interesse? Rund um mein Fahrrad, das irgendwann ebenfalls aus dem Bauch des riesigen Schiffes herausgeschoben wurde!

 

Man zog an den Bremshebeln, fingerte an der Schaltung herum, wackelte am angelöteten Gepäckträger und untersuchte die Funktion des Umwerfers über dem zweiten vorderen Kettenblatt. Trauben von Menschen, die sich da von etwas fasziniert zeigten, das in einer vergleichsweise spartanischen Form ein wichtiger Teil ihres Alltags war. Stellen Sie sich ein paar Kids von heute vor, die plötzlich Mr. Spocks „Beam-me-up-Scotty“-Apparatur als Weiterentwicklung ihres Handies vor sich haben! Nur, dass die Inder neugieriger sind und deutlich temperamentvoller. Das Wort „cool“ existiert für sie im heißen Süden nicht. Und ich schwitzte Blut und Wasser, bis ich mich endlich durch die Massen zu meinem lieben Fahrrad durchgekämpft hatte.

Zum ersten Mal erkannte ich da, dass die Inder überaus ehrliche Leute sind. Es war noch alles da! Nur schauen wollten sie, sich eine Meinung bilden, lauthals darüber diskutieren – und in der tröstlichen Gewissheit heimgehen, dass sie ja mit Leichtigkeit ein mindestens dreimal so gutes Fahrrad konstruieren könnten – wenn, ja, wenn sie nur die Möglichkeiten dazu hätten...

 

Damals in Madras amüsierte mich dieses Interesse noch. Kurz darauf raubte es mir den letzten Nerv. Denn das gleiche Schauspiel wiederholte sich, wo immer ich anhielt! Ich konnte nirgends nach dem Weg fragen, ohne Mittelpunkt eines Menschenauflaufs zu sein. Wenn ich vom Klo zurückkam oder aus einem der zahlreichen kleinen Läden entlang der Straßen – da waren sie, die sich ereifernden Inder. Sie fingerten an allen Teilen des Fahrrads herum, examinierten das Gepäck, versuchten es sogar zu öffnen. Einmal herrschte ich einen dieser allzu Neugierigen an, womit seiner Ansicht nach meine Packtaschen wohl gefüllt seien. Er schaute mich an und meinte dann ganz unschuldsvoll: „mit Geld?“

 

Zu Anfang dachte ich noch, ich würde vielleicht weniger Aufmerksamkeit erregen, wenn ich mich landestypisch kleidete. Jeans und T-Shirt wanderten also in die Hecktaschen, statt dessen trug ich, einen weiten, flatterigen Umhang und Beinkleider, wie sie durch Mahatma Gandhi auch im Westen zum Begriff wurden. Es half nichts. In äußerster Not beschloss ich sogar, auf Bart und Haupthaar zu verzichten – aber das sah dermaßen schrecklich aus, dass ich mich gleich drei Wochen lang in einen Ashram verkroch, bis die kahlsten der kahlen Stellen wieder von frischem Flaum bedeckt waren.

Apropos Ashram: Diese Orte der Innerlichkeit und Zurückgezogenheit waren tatsächlich die einzigen, an denen ich Ruhe vor den aufdringlichen Massen hatte! Auch das war sicherlich ein Grund, warum ich mich gerne dort aufhielt.

 

Kaum war ich jedoch „draußen“ in der indischen Realität des Wuselns, Lamentierens, des hektischen Herumfingerns und Hinterherrufens, befand ich mich mehr oder weniger auf der Flucht. Doch entgehen konnte ich dem Ganzen selbst durch heftiges Pedalieren nicht. Viele Hunde sind des Hasen Tod.

 

Immer wieder diese Spielchen mit den einheimischen Radfahrern – auch sie allem Anschein nach voll auf dem Fahrrad-Trip! Da sieht also solch ein Inder zum ersten Mal einen Europäer mit vollem Gepäck auf einem Velociped vorüberschweben, das ihm vorkommen muss, als wäre es einem leibhaftigen Science-Fiction-Film entsprungen. Und schon erwacht in ihm der innige Wunsch, herauszufinden, ob er auf seinem tonnenschweren asiatischen Lastesel da wohl mithalten könne. Ob er am Ende, wenn er das Letzte aus sich herausholte, den Vorderreifen vielleicht sogar um ein paar Millimeter vorne haben könnte an irgendeinem imaginären Zielstrich am ersten Ortsschild von, sagen wir, Kanya Kumari.

 

Ich spürte, wie sie mir folgten. Wie sie zum Teil stundenlang hinter mir herfuhren. Einige schlossen auf, wechselten ein paar Belanglosigkeiten mit mir und blieben dann, solange sie konnten, an meiner Seite, stets sehr bemüht, mich nicht merken zu lassen, wie sie sich dabei verausgabten. Ich glaube, auch das ist internationales Radfahrerverhalten: Wenn sie dann spürten, dass sie sich unwiderruflich ihrem Leistungslimit näherten, brachten sie noch ein möglichst beiläufiges „Ok, Sir, ich glaube, ich muss dann jetzt weiter...“ hervor, setzten zu einem furiosen Endspurt an und ließen sich erst einen halben Kilometer später wieder sehen. Unter irgendeinem Baum. Mit hochrotem Gesicht. Inmitten einer dichten Wolke Dampf.

 

Dabei hatten sie keine Chance! Sie mit ihrem verrosteteten Stahlgestell ohne Schaltung, mit mahlenden Lagern und quietschenden Kurbeln gegen meinen maßgeschneiderten Randonneur mit kompletter Campagnolo-Ausstattung! Trotzdem probierten sie es. Und ich spielte ihr Spielchen mit, irgendwie. 


In Indien ist alles öffentlich. Die Leute dort nehmen in Besitz, was ihnen begegnet. Sie belegen es mit Beschlag. Hellwach und wie elektrisiert reagieren sie auf alles, das aus ihrem träge dahinfließenden Alltag hervorragt – so, als trage jeder von ihnen seine eigene kleine Bild-Zeitung im Bewusstsein, die alles Ungewöhnliche umgehend bewertet und in zentimeterhohe Überschriften meißelt. Es wird also nicht nur wahrgenommen, sondern entweder mit enormer Begeisterung begrüßt oder ebenso nachdrücklich abgelehnt. Bemerkenswert ist, dass ihre Wahrnehmung streng selektiert – und zwar nach Stand und Kaste. Wirkliche Resonanz ruft also nur etwas hervor, das einerseits engen Bezug zu den realen Lebensumständen der Menschen hat, sie aber in irgendeiner Form auch verzerrt. „Claudia Schiffer im Negligé auf dem Hamburger Fischmarkt“, wäre eine wunderbare Überschrift für die deutsche Bild-Zeitung. Die Inder hingegen erregten sich bei der Vorstellung: „Weißer bereist unser Land auf futuristischem Fahrrad“.

 

Vielleicht können Sie sich vorstellen, was auf besagtem Hamburger Fischmarkt los wäre, wollte Claudia Schiffer dort tatsächlich im Negligé erscheinen. Sollte dies geschehen, wäre jedoch dafür gesorgt, dass man ihr nicht zu nahe käme. Sie wäre geschützt. – Ich dagegen hatte keine Bodyguards, ich war „zum Anfassen“ freigegeben.

 

Das sah dann ungefähr so aus: Ich fahre durch irgendeine kleine indische Stadt, entdecke eines der vielen Restaurants neben der Straße und beschließe, zwei, drei Rupien in eines jener formidablen vegetarischen Mittagessen zu investieren, die dort überall zu haben sind. Man behandelt mich voller Hochachtung, wie einen Politiker, wie einen bekannten Gelehrten. Mich, den Koch und Zuckerbäcker! Das Fahrrad darf ich mit in die Gaststube nehmen, manchmal sogar direkt bis an den Tisch.

 

So weit, so gut.

 

Dann aber dauert es keine drei Minuten, und der Raum beginnt sich zu füllen. Von überall her kommen die Neugierigen, und draußen auf der Straße geht es wohl um wie ein Lauffeuer: „Da sitzt er und isst – der mit dem futuristischen Fahrrad, der aus der Bild-Zeitung!“ Während die weiter hinten drängeln, um etwas mitzubekommen, rücken die Vorderen näher und näher zu mir heran. Am Ende herrscht Tuchfühlung. Der Ober hat Mühe, mit dem bestellten Essen zu mir durchzukommen. Da sitzen sie und gaffen, kommentieren jede meiner Bewegungen, schauen mir zu, wie ich die Gabel zum Mund führe, wie ich kaue. Und schlucke. 50 Leute in einer winzigen indischen Gaststube! Und die Tatsache, dass ich mich an Papadam erfreue, den typischen Linsenwaffeln mit Minze und Tomaten, an einem opulenten Gewürzreis mit Safran, Kardamom und Rosinen, dass da eine gebackene Aubergine auf dem Tisch steht – mit Gemüse-Curry-Füllung! – ich glaube, das weiß bald die ganze Stadt.

 

Ja, und dann wollen sie natürlich wissen, wie ich spreche. Wie es sich anhört. Was ich zu sagen habe. Denn das macht das Ganze ja noch viel exotischer! „Where are you from“, fragt der Erste, wo ich denn herkomme. Warum ich auf dem Fahrrad durch Indien fahre und nicht in einem teuren Auto. Wie viel Geld ich habe. Was in den Packtaschen ist. Wie teuer mein Fahrrad ist, und was die ganzen Hebel zu bedeuten haben.

 

Es war wie im Zoo – nur dass ich mich fühlte wie die Insassen hinter den Gitterstäben! Ich war nicht vorbereitet auf das Getümmel, es überforderte mich, es machte mich krank. Was machst du hier, fragte ich mich. Bist du jetzt übergeschnappt, verrückt geworden, dass du dich von wildfremden Leuten beim Essen angaffen lässt? – Und schon verschwand ich wieder für ein paar Tage in einem Ashram, meditierte, fand zurück in meine innere Mitte. Was mir dann sehr half, war die simple Erkenntnis, dass ich mich diesem ganzen Zirkus ja freiwillig aussetzte. Kein Mensch zwang mich! Mit den Wochen und Monaten meiner Reise entwickelte ich indische Gelassenheit, indischen Gleichmut. Ich überantwortete mich dem trägen braunen Fluss des Lebens, nahm das Chaos um mich herum in Kauf, ohne mich von ihm fortreißen und in Panik versetzen zu lassen.

 

Die Menschen, das war mir klar, konnte ich nicht verändern. Vielmehr musste ich mich anpassen. Ich machte mir klar, was sie in mir sehen mussten: die Verkörperung der äußersten nur vorstellbaren Freiheit! Keine Kaste, keine Abhängigkeit, keine Familie, kein Job, der die Lebenszeit regiert, offensichtlich auch keinerlei Probleme mit den Finanzen! Statt dessen reisen, fremde Länder und Menschen erfahren, ganz dem eigenen Antrieb folgen. Auf eine gewisse Weise war ich für sie wohl ein Guru.

 

Ja, und irgendwann begann ich dann, den Tiger zu reiten. Ich stellte mich ein auf die Leute, ich bediente ihre Träume. Ich löste mich von meinen so typisch europäischen Ängsten, man werde mich bestehlen, mich überfallen, ausrauben, mich mutterseelenallein und bargeldlos dem Schicksal überantworten. Ich wurde zum Inder und setzte mich frech an die Spitze des Spektakels. Ich vermietete mein Fahrrad!

 

Wichtigstes Accessoire für dieses revolutionäre neue Business war ein selbstgemachtes Schild: „Fahrrad mit Gangschaltung zu vermieten“. Mehr brauchte es nicht. Sobald ich mich morgens aus meinem Verschlag herausgepellt hatte, suchte ich einen einigermaßen offenen Platz, zog mit einem Stock einen großen Kreis und stellte das Schild neben mein Fahrrad. Das war schon alles an „Angebot“, der Rest war Nachfrage. Die Sache war ein Selbstläufer. Eine Rupie kassierte ich, den Gegenwert einer indischen Cola. Das konnte sich der durchschnittliche Inder leisten. Zwei Runden innerhalb des Kreises durfte er dafür drehen, und als besonderer Clou galt, dass meine Packtaschen dabei „an Bord“ blieben!

 

Der Zulauf war überwältigend. Kein charismatischer Wunderheiler hätte mehr Kundschaft in Bann ziehen können. In Scharen standen die Inder um meinen Kreis herum, kommentierten die Versuche ihrer Landsleute, mit der rasselnden Schaltung klarzukommen, fingen sie auf, wenn sie nicht rechtzeitig die Kurve kriegten, lachten sie aus, wenn ihnen die Kette absprang und sie ins Leere traten. Ein herrlicher Spaß für alle. Nach rund zwei Stunden packte ich mein Schild ein, bestieg mein Bike und radelte meiner Wege. In dieser Zeit hatten sich erstaunlicherweise stets zwischen 40 und 50 Rupies in meinen Taschen angesammelt, was damals etwa zwei Dollar entsprach. Das reichte bequem zum Leben.

 

Ich gebe ja zu, zu Anfang hatte ich mein Fahrrad an einer Schnur festgebunden, während die kühnen Inder ihre Runden drehten. Dann wurde ich gefragt: „Warum die Schnur?“ Ich erwiderte, ich hätte Angst, dass mir sonst jemand auf und davonfährt. Das provozierte ein entrüstetes „oh no, no-no-no-no“. „No-no-no, wir sind doch keine Diebe – wir wollen nur dein Fahrrad ausprobieren!“ – Da ließ ich die Schnur eben weg. Jeder, der es versucht hätte, wäre nach 500 Metern brutalst gestoppt und wahrscheinlich niedergemetzelt worden, war ich mir sicher. Hier stand die indische Ehre auf dem Spiel – und wer weiß, was noch alles, wenn ich an das eherne Gesetz des Karma denke, nach dem jede Tat ihren gebührenden Ausgleich nach sich zieht, gleich ob noch in diesem oder eben im nächsten Leben...

 

Jedenfalls stellte ich fest: Es macht Spaß, den Tiger zu reiten! Es macht frei! Nicht allein hatte ich auf einmal eine überaus bequeme Einnahmequelle, viel wichtiger war: Ich hatte losgelassen! Meine Panik war verschwunden, und ich hatte meinen Platz im indischen Getümmel gefunden. Ich war Teil des allgemeinen Show-Bizz auf den Straßen geworden!



Ein paar Tage später tauchten sie auf, ein rundes Dutzend abenteuerlicher Gestalten mit zerfurchten Gesichtern, braungebrannter Lederhaut und nicht nur fern jeder Mode, sondern völlig undefinierbar gekleidet – ideale Darsteller für einen Film über Banditen am Rande der Zivilisation. Sie nannten sich nach ihrer Provinz „Zanskari“ und waren, soweit ich es wusste, verwandt mit den Bewohnern Tibets. Ja, sie seien bereit, mich mitzunehmen, ließen sie die indischen Wachen dolmetschen, doch unter einer Bedingung: Ich müsste alles so machen wie sie. Solange wir gemeinsam unterwegs wären, müsse ich genauso leben wie sie. Anders wäre es nicht möglich. – Es blieb keine Zeit für Fragen. Schnell war mein Fahrrad auf eines ihrer zähen kleinen Maultiere gebunden, und los ging’s.

 

Wir unterhielten uns mit Händen und Füßen, weil sie nur ihren ureigenen Dialekt sprachen und nicht einmal die paar Brocken Hindi verstanden, die ich mir in den letzten Monaten angeeignet hatte. Ohnehin gehörten sie einer eher schweigsamen Rasse an. Nur einen gab es unter ihnen, der drei, vier Brocken Englisch verstand, zu wenig für eine Unterhaltung. Nun ging es zwischen uns ja nicht um geschliffene Konversation. Mit ausdauernden Schritten kletterten sie ihren schwerbeladenen Maultieren hinterher – auf Pfaden, die oft so steil und schmal waren, dass man sie als solche kaum erkennen konnte. Wir passierten Schluchten, wo jeder falsche Tritt den Freifahrtschein in ein sehr tiefes Grab bedeutet hätte. Und als wir die Region der Gletscher erreichten, marschierte ich zum ersten Mal über Brücken aus gefrorenem Schnee! Immer wieder passierte es dort, dass die Maultiere mit ihren vergleichsweise dünnen Beinen bis zum Bauch einsanken. Dann mussten wir sie zuerst von ihrer Ladung befreien. Anschließend gruben zwei Männer rechts und links von ihnen Löcher in den Schnee, um die speziell für solche Fälle vorgesehenen Gurte unter ihrem Bauch durchzuführen. War das geschafft, konnten die Tiere mit vereinten Kräften langsam emporgehoben werden, bis sie wieder festen Boden unter den Hufen hatten. Harte Maloche!

 

Es war Frühjahr, die Schneeschmelze hatte eingesetzt. Da gab es reißende Bäche zu überqueren, und auch das musste ich machen wie meine Reisegefährten. Wir zogen uns aus bis auf die Unterhose, packten die Kleidung oben aufs Maultier und hielten uns an dessen Schwanz fest. Ein Tritt, ein gellender Ruf, und das erschreckte Tier preschte los, mit Karacho durchs eisige Wasser. Wir hinterher! Zuvor hatte man mir klargemacht: Sollte ich den Mulischwanz unterwegs loslassen, würde der Bach mich mitreißen – über den nächsten Wasserfall oder unter eine Schneebrücke. Da hat man keine große Wahl.

 

Zwischendrin, als wirklicher Höhepunkt meiner bisherigen Reisen: der Shingo-Pass. Auf rund 5.200 Meter ging es im Gefolge der Zanskari. Die Lungen gierten nach Sauerstoff, der Geist konnte es kaum fassen, jetzt tatsächlich so weit oben zu stehen – auf dem „Dach der Welt“!

 

Abends kletterten die Männer, zum Teil unter Zuhilfenahme von Seilen, in die steilen Felswände, wo ein paar krüppelige Bäume ihr Bestes taten, ein karges Leben zu fristen. Da suchten sie ein wenig altes Holz fürs Lagerfeuer, und sobald das brannte, gab es Tee. Den „verfeinerten“ die Zanskari dann mit ranziger Yak-Butter, wie es wohl auch die Tibeter tun. Eine grausige Angelegenheit, die ich als ziemlich eklig in Erinnerung habe. Dazu gab’s Tsampa, gestoßene, zu einem Brei verkochte Gerste, die etwas säuerlich schmeckte und etwa die Konsistenz von Polenta hatte. So war denn auch die Verpflegung einigermaßen grauenvoll. Ich hatte zwar selbst ein paar Vorräte dabei, aber abends war ich doch rechtschaffen müde nach einem harten Tag in dünner Luft. Da war ich dann selbst über Tsampa froh; das Zeug war wenigstens warm.

 

Für mich war nicht allein die grandiose Landschaft ein Erlebnis, sondern auch die Gemeinschaft mit diesen Menschen. Ich beobachtete, wie sie sich verhielten, wie sie ihre Maultiere behandelten, was sie kochten, wie sie aßen. Es waren sehr einfache, ungemein harte Leute. Der Respekt, den sie sich gegenseitig zollten, die Achtsamkeit für ihre Mulis erwuchs aus ihrem Wissen um die Zwänge, denen sie die extreme Natur dieses Landes aussetzte. Sie wussten, ohne einander, ohne ihre Transportmittel wären sie verloren. Und sie taten alles ihnen Mögliche, um diesem Schicksal zu entgehen.

Elf Tage war ich mit den Zanskari unterwegs in der kalten Einsamkeit Ladakhs. Wir begegneten kaum einer Menschenseele, doch ich weiß noch, in einer winzigen Ansiedlung am Wegrand hielt man mein Fahrrad auf dem Rücken des Maultiers für ein Helikopter-Ersatzteil! Hubschrauber kannte man dort wohl durchs Militär, aber ein Fahrrad hatten diese Leute noch nie gesehen.

 

In einem anderen Ort lasen wir einen Swami auf, der dort in einem kleinen Tempel meditiert hatte und nun bat, uns begleiten zu dürfen. Baba Ram sprach sehr gut Englisch, und schon bald unterhielten wir uns über die spannendsten Themen. Es dauerte nicht lange, und Baba Ram, der auch die Sprache der Zanskari verstand, warnte mich. Er sagte: „Hüte dich vor deinen Reisebegleitern. Denen bist du nicht geheuer, die können dich nicht einschätzen. Sie halten dich für einen Spion, der ihre Schmuggelpfade auskundschaftet.“ Er könne sich vorstellen, so Baba Ram, dass die Zanskari sich meiner kurz vor dem Ziel in Spadum entledigen wollten. Wahrscheinlich wäre ich nicht der Erste, den sie – in meinem Fall freilich samt Fahrrad – in irgendeiner Schneespalte verschwinden ließen. Keine besonders schöne Vorstellung...

 

Baba Ram hatte als Lehrer gearbeitet, als ihm die innere Stimme vorgab, er solle fortan das Leben eines Bettelmönchs führen. Daraufhin hatte er seine Familie verlassen und wanderte nun schon ein Jahr lang durch Indien – nur mit seinem Tuch, einem Stock und einer Betteldose. Sein Weg durch den kosmischen Garten hatte ihn in dieses winzige Dorf hoch in den Bergen des Himalaya geführt, wo wir uns trafen.

 

Ich war nach seiner Eröffnung ziemlich nervös. Ich wollte gewiss in keiner Schneespalte enden! Er schlug vor, wir sollten uns von den Zanskari trennen und uns auf einem anderen Weg bis Spadum durchschlagen. Doch auch dieser Gedanke behagte mir nicht. Ich konnte ja schlecht das Maultier mitnehmen, müsste also mein beladenes Fahrrad schieben. Und was, wenn es noch Eisbäche zu durchqueren gab?! Mein Randonneur hatte keinen Schwanz zum Festhalten! So beschlossen wir, wir würden uns ganz hinten aufhalten, so dass wir gerade noch Kontakt zu unserer kleinen Karawane hatten. Wir würden uns so unauffällig geben wie nur möglich.

 

So erreichten wir Spadum. Ohne weitere Vorfälle. Meine Begleiter luden die Maultiere ab, lieferten die mitgebrachten Waren wie Mehl, Zucker, Schuhe aus und zerstreuten sich dann in alle Winde. Im Nachhinein fragte ich mich, ob mein Swami die Leute richtig verstanden hatte. Ich jedenfalls hatte nie den Eindruck einer Bedrohung gehabt. Oder hatte er mir Angst machen wollen? Mich, vielleicht aus einem Gefühl der Einsamkeit heraus, ganz auf seine Seite ziehen wollen? Wollte er sich interessant und unersetzlich machen? Etwas Lehrerhaftes hatte er schon an sich, schließlich war das sein Beruf gewesen. Etwas in der Art von „ich-als-weitgereister-spirituell-erfahrener-Swami-erkläre-dir-hiermit-nun-dein-Leben“. Trotzdem war er ein sehr angenehmer Mensch, dem ich auf keinen Fall böse sein mochte.

 

Ich mietete mich in einem kargen Zimmer ein und pausierte zwei, drei Tage, ließ die enormen Eindrücke meiner Reise sich setzen und erlaubte meinem Körper auszuruhen. Dann setzte ich mich auf mein Fahrrad und fuhr auf der breit ausgebauten Piste via Kargill Richtung Leh, der Hauptstadt von Ladakh.

 

Unterwegs überholt mich ein Lastwagen, und wer steht da winkend, rufend auf der Ladefläche? Mein Swami Baba Ram! Er klopft aufs Dach des Führerhauses, der Fahrer hält, und mein Freund läuft auf mich zu. Er kenne da, ganz in der Nähe von Kargill, einen Weisen, der dort in einer Höhle lebe. Ein hochinteressanter, überaus heiliger Swami. Den wolle er besuchen – ob ich nicht mitkommen wollte?

 

Ja, das ist die Freiheit des Radreisenden! Improvisation, der schnellen Eingebung folgen, Pläne haben, die man jederzeit ändern und über den Haufen werfen kann! Ich stelle mein Fahrrad in Kargill unter, und tags darauf geht es mit dem Bettelmönch zu Fuß in die Berge. Der Weg zieht sich. Ein veritabler Trampelpfad, der sich dann plötzlich gabelt. Der eine Teil führt über nackten, fast senkrechten Fels. Kein Seil, keine Stufen, keine erkennbare Route. Etwa 200 Meter sind zu überwinden; auf der einen Seite geht es hoch, auf der anderen in aller Deutlichkeit abwärts.

 

An dieser Stelle streike ich. Das ist mir zu gefährlich. „Nein hier gehe ich nicht weiter“, mache ich Baba Ram klar. „Es muss noch einen anderen Weg geben.“ Tatsächlich hatten wir eine halbe Stunde vorher schon einmal einen Abzweig passiert, der in die gleiche Richtung führte. Den will ich nun ausprobieren. Mein Mönch aber ist anderer Meinung. Dies sei der richtige Weg, uns könne nichts passieren!

 

Ehe wir uns am Ende wirklich streiten, beschließen wir uns zu trennen. Ich werde zurückgehen bis zu jenem anderen Abzweig, er will den Weg über die Felsen nehmen. Beim Swami würden wir uns treffen. – Es dauert dann zwar ein paar Stunden, aber, wie vermutet, führt mich auch der sichere Weg zu dem Höhlen-Eremiten. Als ich dort eintreffe, begegne ich einem seltsamen Heiligen. Bekleidet ist er mit einer Art Lendenschurz, der Oberkörper ist bedeckt mit kaskadenartig herabwallendem, verfilztem Haupt- und Barthaar. Wie zur Begrüßung ragt ein Joint von respektablem Ausmaß aus seiner Physiognomie, und ein Teil des Himalaya verschwindet hinter einer aromatisch duftenden Wolke. Er singt. Er lacht. Er ist, wie man so sagt, „richtig gut drauf“. Eine Kochstelle, eine Lagerstatt, das ist die ganze Inneneinrichtung seiner Höhle, offenbar lebt der Swami von dem, was ihm die Leute aus Kargill so vorbeibringen.

 

Inzwischen ist es später Nachmittag geworden und an Rückweg nicht zu denken. Ich bitte also den Einsiedler, seine Höhle für eine Nacht mit mir zu teilen. Kurz darauf kuschele ich mich dann auf weit über 4.000 Meter Höhe in meinen Schlafsack, den unvermeidlichen Buttertee im Magen und schon zum Frühstück das gigantische Panorama der schneebedeckten Bergriesen vor Augen. Die Nacht ist kalt, aber das Erlebnis lohnt es allemal, in den Stunden der größten Dunkelheit ein wenig zu frieren. Wer dort in dieser einmaligen Landschaft, fern aller menschlichen Behausungen, freilich nicht erscheint, ist Baba Ram!

 

Was nun? Hat er einen Unfall gehabt und ist abgestürzt? Wer würde mir helfen ihn zu retten? In Pondicherry hatte ich erlebt, wie jemand am Strand von einer großen Welle fortgespült wurde. Er kam noch einmal hoch und schrie jämmerlich um Hilfe. Es waren buchstäblich Hunderte von Menschen dort am Strand, doch keiner nahm Notiz von ihm. Einige lachten sogar. Ich rannte um die nächste Ecke zum Polizeiposten und rief: „Kommen Sie schnell, da hinten ertrinkt einer!“ – „Ist es ein Weißer oder ein Inder?“, fragte der Beamte. – „Ein Inder“, rief ich. – „Ach“, meinte er darauf, „der wird’s schon schaffen.“

 

An diese Geschichte denke ich nun, und mir ist klar, hier würde keine Rettungsexpedition aufbrechen, um einen Bettelmönch – oder das, was von ihm übrig war – am Fuße einer Schlucht zu bergen. Ich gehe also den Weg nach Kargill zurück, tief in Gedanken über die Vergänglichkeit des Lebens – als Baba Ram mir auf einmal fröhlich und gesund entgegenkommt!

 

„Oh“, begrüße ich ihn, „wo hast denn du gesteckt?“ – Diese Steilwand, meint er, sei ihm auf halbem Wege dann doch zu gefährlich vorgekommen, woraufhin er kehrtgemacht habe. Und dann sei er müde geworden, so müde. Da habe er sich in die – nicht vorhandenen! – Büsche geschlagen und erst einmal geschlafen. Das muss man sich vorstellen: Da verbringt dieser Mann, nur mit einem Tuch bekleidet, die Nacht auf eisigen 4.000 Metern Höhe im Himalaya! Und findet nichts dabei! „War dir denn nicht kalt?“, frage ich ihn. – „Ein wenig“, antwortet er lächelnd, aber dann habe er etwas meditiert, das hätte geholfen.

 

Hier trennen sich unsere Wege. Der eine geht zurück nach Kargill, der andere zum Swami mit dem Joint. Ich mit meinen festen Wanderschuhen, er, wie schon die ganze Zeit, seitdem wir uns getroffen haben, barfuß...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser reich illustrierte Bildband enthält die frühen Abenteuer

von Tilmann Waldthaler. Erschienen ist er im BVA-Verlag;

das gesamte Indien-Kapitel ist anzusehen bei

http://www.tilmann.com/grafiken/sieh-diese-erde-leuchten.pdf;

eine optisch stark abgespeckte Version gibt es zudem bei

Piper-Malik als Taschenbuch. © BVA Bielefelder Verlag